Julia Weißenberg

ANX’US

19. Oktober – 16. November 2019

Anxious – ängstlich, nervös, aber auch ehrgeizig und voller Tatendrang. Angst – ein Grundgefühl, das Besorgnis, Unlust und Erregung auslöst und gleichzeitig die Sinne schärft, die Körperkräfte aktiviert, das überleben sichert.

Angst ist verpönt, ein Zeichen von Schwäche, Untergebenheit, Unsicherheit. Angst ist etwas, an dem man wächst, das stärkt und schützt. Angst lähmt und beflügelt, lauert und überrascht. Angst schwitzt und schreit, sprintet und erstarrt, pocht und (be)rauscht. Höhe, Enge, Fliegen, Altern. Existenz-, Beziehungs-, Prüfungs-, Todesangst.

Vor der Umweltverschmutzung, einem Terroranschlag und dem Klimawandel haben Jugendliche 2019 die größte Angst.(1) Angst wird lieber vermieden als herausgefordert, oder bewusst geschürt, um zu verängsti- gen. Angst wird geprobt, für den Ernstfall, wird geübt, um überwunden zu werden. Angst ist ein Kick, ist Adrenalin und Stolz.

Das Wovor der Angst ist das In-der-Welt-sein als solches, schreibt Martin Heidegger. Die Angst ist immer da, weil wir sie brauchen, um zu existieren. Genauso da wie das Bedürfnis nach Sicherheit. Die Sicherheit verlassen, wenn auch nur für einen kurzen, bestimmten Moment, verursacht Angst und Anxiousness. Sie fordert uns heraus, die Stimme, die sagt, „Trau dich! Spring! Tu es!“. Sie wird gehalten von der Lebensversicherung, der Sicherungsleine, vom weichen Polster, auf das man fällt. Angst-Lust, das ist dieses zwiespältige Gefühl, das aus der Bedrückung ein lustvolles Erlebnis macht. Mutproben und Horrorfilme, Bungee-Jumps und Freeclimbing. 10-Meter-Turm und Autorennen. An den Nerven kitzeln, bis das Herz aus der Brust springt. Schaudern und Schreien auf der Sofakante. Das 5-in-1-Survival-Pack, die Fallschirmschnur am Handgelenk, das Taschenmesser für den Kleinstadtdschungel, man weiß ja nie …

Als Schwindligsein bezeichnet Søren Kierkegaard 1844 die Angst. Die Erkenntnis, dass wir frei sind, macht uns Angst. Im Moment einer Entscheidung sind wir ganz auf uns allein gestellt. Ja oder Nein. Doch was, wenn ich einen Fehler mache? Was, wenn ich ich die falsche Entscheidung treffe? Was, wenn ich die Konsequenzen tragen muss? Doch wer sollte sonst verantwortlich sein?

Derjenige, dessen Auge plötzlich in eine gähnende Tiefe hinabschaut, der wird schwindlig. Aber was ist der Grund dafür? Es ist ebenso sehr sein Auge wie der Abgrund; denn was, wenn er nicht hinabgestarrt hätte! So ist Angst der Schwindel der Freiheit, der entsteht, indem […] die Freiheit hinabschaut in ihre eigene Mög- lichkeit. […] In diesem Schwindel sinkt die Freiheit ohnmächtig um.(2)

Leonie Pfennig

(1) 118. Shell-Jugendstudie, veröffentlicht am 15. Oktober 2019, online: https://www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie.html
(2) Søren Kierkegaard, Der Begriff der Angst, übers. v. L. Richter, Frankfurt a.M. 1984, S. 57.