Anna Schütten

while

while waiting / zur Ausstellung von Anna Schütten, 2026

Zwei Campingstühle, ein Kopfhörer, Mediaplayer, Soundstück von 10 Min. Länge, geloopt

Im beinahe leeren Ausstellungsraum stehen zwei Campingstühle, dazwischen ein Abspielgerät mit einem Paar Kopfhörer. Aus den Kopfhörern erklingen Töne, die nie einer traditionellen Melodie folgen. Immer wieder brechen sie ab, klingen aus. Zwischendurch: Schritte? Klopfen? Wer oder was die Töne verursacht, ob sie zufällig oder absichtlich auftreten, bleibt offen. Anna Schüttens Töne führen ins Unbestimmte. Straßengeräusche und Klänge vorbeifahrender Züge dringen von draußen in den Ausstellungsraum und erweitern die Klanglandschaft der Installation. Wer die Kopfhörer aufsetzt, löst sich vom Raum und ist ihm doch ausgesetzt, wird betrachtet und schaut gleichfalls den übrigen Besuchenden zu. Die Grenzen zwischen Werk, Umgebung und Betrachtenden, die ein Kunstverein sonst sorgfältig zieht, verschwimmen.

Die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari bezeichneten das unsichtbare Ganze, aus dem alle Deutungen von Wirklichkeit hervorgehen, als Immanenzebene. Vorstellen lässt sie sich wie ein stereoskopisches „Magic Eye“- Bild, jenem computergenerierten Wimmelbild, das auf den ersten Blick nur ein dichtes, gleichförmiges Muster ohne Gestalt zeigt. Wer den Blick entspannt und nicht auf die Oberfläche, sondern hinter sie schielt, nimmt neue Muster und Figuren wahr. Anna Schüttens Arbeit liefert eine Anleitung zum akustischen Schielen. Sie lenkt das Hören auf Klangfiguren, die zwischen den Tönen und ihren Brüchen entstehen, und auf Momente, die wir sonst ausblenden. In ihrer Installation wird das Warten, eine Zeit ohne Ereignis, zum Ereignis selbst. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich: Geräusche von draußen, der vermeintlich leere Kunstverein und die eigene Irritation erscheinen nicht länger als Störungen, sondern schärfen die Sinne und rücken in den Fokus, was sonst im Flimmern verborgen bleibt. Wer sich auf diese Unterschwelligkeiten einlässt, dem öffnet sich eine reiche Erfahrungswelt. Ähnliche Vorgänge beschreibt die Komponistin Pauline Oliveros in ihrer Praxis des Deep Listening. Sie unterschied zwischen einem rein akustisch basierten „hearing“ und einem bewussten, einlassenden „listening“, das sich für das gesamte Klangfeld öffnet. Geräusche des eigenen Körpers, des Raumes und die Klänge der Arbeit treten aus dem Feld hervor, in dem sie erscheinen, und zeichnen neue Muster.

Was sich auf der Immanenzebene zeigt, ist jedoch nicht allein akustisch zu fassen, sondern umfasst die gesamte Situation der Wahrnehmung. Diesen Gedanken führt der Klangtheoretiker Seth Kim-Cohen aus. Er wendet sich gegen eine Klangkunst, die allein auf das Ohr und das hörbare Ereignis setzt. Eine solche, rein akustisch gedachte Klangerfahrung nennt er „cochlear“, nach der Cochlea, der Hörschnecke im Innenohr, und fordert stattdessen eine erweiterte, „nicht-cochleare“ Klangkunst. Jede Klangkunst wird schließlich rezipiert, von Menschen mit Erinnerungen und Erwartungen, an Orten mit Geschichte und in Institutionen mit scheinbar klar definierten Regeln. Die „nicht-cochleare“ Klangkunst, so Kim-Cohen, muss diese Bedingungen mitdenken, statt sie auszublenden. Hier berühren sich Oliveros und Kim-Cohen: Das aufmerksame Zuhören ist eine bewusst gewählte Praxis, die Zeit verlangt und damit die Voraussetzung für ein Wahrnehmen schafft, das den Kontext einschließt.

while waiting führt beide Haltungen zusammen. Wer die Kopfhörer aufsetzt, übt sich im Deep Listening, wer wartet, erfährt die Bedingungen, unter denen dieses Hören stattfindet. Wer hat die Zeit und Muße, sich im Kunstverein hinzusetzen und allein zu hören? Wer fühlt sich dabei beobachtet, und wer muss warten? Der White Cube, der Klang scheinbar neutral rahmt, ist selbst ein Ort mit Geschichte, keineswegs entkoppelt von seiner Umgebung. So erschließt sich die Arbeit im Warten, im Beobachten des Raums und der Besuchenden und in der damit einhergehenden Selbsterfahrung.