Untergründen
Ein eigenartiges Wort. Und doch, es existiert. Was will es sagen, wozu dient es? Befreit vom letzten N, erschließt es sich sofort, insbesondere in Nähe von Kunst. Untergründe: die Leinwand, auf welche Ölfarbe aufgetragen wird, der Karton, für den Zeichenstift. Blickt man auf ihr Werk, macht es den Anschein, Nina Fandlers Kunst führe eine fortwährende Kommunikation mit dem Untergrund, oder ist es eher ein Versteckspiel, denkt man sich neue Rollen füreinander aus, stellt etwas dar, gleich einer Charade? Das holzleim- oder gipsgetränkte Hemd wird zur Skulptur, die – ein Hemd darstellt. Vielleicht hat sich seine Farbgebung gewandelt, also ist es vielleicht „ein anderes Hemd“ nur zugleich ist es nun eben kein Hemd mehr, steif liegt es da, akkurat und zugleich etwas verknittert. Die kleinen Faltenwürfe sind jedoch keine mehr, sondern feste Konturen, deren Unregelmäßigkeiten die Linien des Farbauftrags weiterführen, so als sei die Skulptur ein Hemd aus weichem Stoff.
Man könnte denken, jemand habe die zunächst wohlgefalteten Hemden in die Hand genommen, kurz erwogen, sie anzuziehen und dann doch etwas nachlässig beiseite gelegt. Ähnlich nachlässig beiseite legt man wohlmöglich diese Erfahrung der Verwirrung des eigenen Wahrnehmungsprozesses. Ein Hemd, nein ein Untergrund für eine Skulptur, welche ein Hemd darstellt und ja eigentlich ein Hemd war, aber nicht mehr ist. Da sind auch Halstücher, sie machen es nicht einfacher, erscheinen sie doch, wie eben Halstücher – auch noch offensichtlich Getragene. Sichtbar, die Spuren, wie sie um den Hals geknotet waren. Auf diese Weise präsentiert, erinnern sie daran, wie man Halstücher in Auslagen von Bekleidungsgeschäften drapiert findet, dort jedoch auf ordentlich stilisierte Weise. Wurden die Tücher also getragen, abgenommen und wieder so geknotet, als seien sie noch angelegt? Diese ungeordnete Ordnung ist nun ihre Existenz, als Skulptur, ein Werk, weder geordnet noch ungeordnet. Doch die Wahrnehmung funkt dazwischen: „Ein Halstuch!“. Und der Untergrund? Farbe auf Gips oder Leim auf Stoff? – Eher: „getränkter Stoff“. Die Werke verkörpern weniger, als daß sie sind. In ihnen lebt ein steter Prozess, angestoßen von einer Vorstellung, in welcher Bezeichnendes „Kunstwerk“ und Bezeichnetes „Kleidungsstück“ identisch scheinen. Die Filmtheorie nennt es „Kurzschluss-Zeichen“, aber hier ist es kein Abbild, kein Trick, sondern Materie, durchtränkt von den Bedeutungszuschreibungen des Betrachters.
Nina Fandlers Malerei auf Leinwand könnte Klärung versprechen. Die dargestellten Objekte und der Mal-Untergrund bleiben auf gewohnte Weise voneinander getrennt. Man sieht Kleidungsstücke, von recht ordentlich gefalten, ja geradewegs an den Rändern der Leinwand orientiert, bis hin zu offenbar achtlos fallen gelassen. Wohin? Der Ort bleibt undefiniert, eine Ebene in perlmuttartigem Schimmern, opake Tiefe aber keine Gewissheit, ähnlich ihrer Bilder des leuchtenden Mondes oder jene alter Haustüren die, vom illuminierten Treppenhaus durch das Sichtschutzglas hindurch, in die Dunkelheit strahlen. Nina Fandlers Sujets entziehen sich ihrer Materialität. Man malt nur Licht und seinen Widerschein? – Eine Binsenweisheit, aber just in diesen Bildern beginnt man sie zu verstehen, weil sie erlebbar sind, ein erlebbares Sich Entziehen. Bedeutungen in Materie gebannt und Materie, aufgelöst zu Licht.
Unter Gründen? Wenn nun also alle abbildende Kunst etwas vorgibt, was ist dann noch gleich der ab und an bemühte Trompe-l’oeil-Effekt? In der Mode zeigte Matthieu Blazy 2023 für Bottega Veneta Lederkleidung, die gleich Jeans und Flanellhemd oder als Tanktop erscheint, für ein Bühnenkostüm, ließ er Seide wie Denimstoff wirken. Bekannter sind vermutlich Elsa Schiaparellis Strickpullover aus dem Jahr 1927, dessen Muster eine Schluppenbluse unter dem Pullover abbildete, einst Addition zur Gedankenwelt des Surrealismus. Wobei – wenn der Surrealismus Innenwelten zeigte und Trompe-l’oeil eine Außenwelt vortäuscht, wo ist denn dann überhaupt der Ort der Kunst? Und was trennt Täuschen und Offenbaren? Unter den T-Shirt Skulpturen sieht man welche mit Mondmotiven, die von Gemälden Nina Fandlers stammen, andere zeigen Figuren aus Wandreliefs des Wuppertaler Opernhauses, welche die Künstlerin in Malerei überführte und dies nun nochmals auf dem leimgestärkten und grundierten Shirt. Doch etwas stimmt nicht, das getuschte Motiv wirkt wie auf das Shirt gefallen, es reicht bis in die Innenseite des Rückenteils und einmal vereinen sich zwei Shirts zum Miteinander, im Lob dieser besonders anmutigen Weise, in der man in den 1950er Jahren illustrativ die Formenwelt der Antike aufgriff. Und doch flüstert wieder eine Stimme, diesmal unentwegt „Aufdruck“ – die daraus resultierende Frage, würde nach der Substanz der Kunst fragen, woraus ist sie gemacht, aus Ideen, aus Regeln und ihrem Befolgen oder aus einer Realität im Spiegelkabinett? Gibt es da nicht etwa gar tatsächlich T-Shirts mit dem Aufdruck eines dieser Motive? Das Interessante ist, jeglicher sich beflissen abgeklärt wähnende Kommentar muss hier, um vom Glatteis der Zuordnungen wieder auf festen Boden zu gelangen, schon ein „Alles ist möglich“ bemühen. Doch dies ist nicht 1988 in der Galerie Max Hetzler, keine vergnügten Porzellanfiguren eines aufstrebenden amerikanischen Künstlers stehen bereit zum Duell mit dem, was Kunst darf oder kann – und doch, die Verwirrung, sie ist weiterhin da. Un-ergründen
Nein, „da“ ist vor allem eine Stille, ein Innehalten, wie in diesem Portrait einer jungen Frau im blauen Etuikleid. Es scheint als stehe die Portraitierte in einem Hausflur, hier sind die Strukturen erkennbar, Bodenfliesen, Wand, allerdings schimmern sie ebenfalls in diesen Perlmutt-Tönen, die alles dem Unmittelbaren entrücken, in ein Lichtphänomen betten, wenn nicht gar gänzlich überführen. Vielleicht ist es ein Dazwischen. Die junge Frau hält ihre Augen geschlossen, wirkt versonnen und ihre Innenwelt erscheint so offenbar wie verborgen zugleich. Sie ist nicht gänzlich anwesend, soviel ist klar, doch wo sie ist, in ihren Gedanken, bleibt ihr Geheimnis. Es nicht im Konzept aufgehen zu lassen, zuzuschauen, wie es sich Sprache und Zuordnen entzieht um im Ungewissen oder im Erspüren aufzublühen, das ist das Angebot des Magasin privé.
Und Untergründen?
Durch den Stadtteil, in dem die Künstlerin, sowie der Autor aufwuchsen, im selben Schulbus saßen und sich doch erst unlängst kennenlernten, führt eine Hauptverkehrsstraße. Für eine gewisse Strecke ist sie auf einer Seite von einer Friedhofsmauer begrenzt, auf der anderen Straßenseite geht es zwischen Häuserreihen circa 12% bergab. Die in gut 100 Metern Distanz parallel verlaufende Straße ist schmaler, auch sie ist einseitig bebaut und begrenzt, nicht von einer Mauer, sondern der Weite des Tals, dessen Waldlandschaft sich hier an der Stadtgrenze auftut. Untergründen ist der Name der kleinen Gasse, welche diese beiden Straßen verbindet.